Hi,
folgende Situation ist bei mir eingetreten: Ich studiere im 2. Semester. Eine Klausur aus dem ersten Semester habe ich letztes Semester nicht bestanden, die Durchfallquote lag bei ungefähr 2/3, also 65%. Jetzt habe ich viel gelernt, aber die Stoffeingrenzungsinformation vom Lehrstuhl kam sehr spät, später als angekündigt und üblich, und in der Klausur kommt dieses Semester der Teilbereich dran, den ich nicht so gut kann wie den anderen. Das Modul zu der Klausur ist sehr schwer und umfangreich. Nur deswegen gibt es die Eingrenzung, in anderen gibt es das nicht.
Ich habe Panik und das Gefühl, zu wenig gelernt zu haben und wieder durchzufallen und überlege mich abzumelden von der Prüfung oder sogar das Studium zu schmeißen.
Wenn ich wieder durchfalle, muss ich in den letzten Versuch und das schaffe ich nervlich nicht. Denn wenn ich den auch nicht schaffe, werde ich exmatrikuliert und darf das Fach an keiner Hochschule in Deutschland erneut studieren und auch kein Fach, in dem das Modul vorkommt, d.h. auch keinen artverwandten Studiengang. Das setzt mich so sehr unter Druck, ich kann fast nicht mehr schlafen.
Ich weiß nicht was ich machen soll.
Bin ich zu dumm für das Studium und soll ich lieber abbrechen? Soll ich mich von der Prüfung abmelden und es im nächsten Semester mit noch mehr Vorbereitung versuchen?
Mein Problem ist auch, dass ich Bafög bekomme und den Leistungsnachweis spätestens nach dem 4. Semester vorlegen muss. Dafür benötige ich auch diese Prüfung, sonst gibt es kein Geld mehr und ich kann das Studium nicht weiter finanzieren. Ein Studiengangswechsel mit Bafög ist dann auch nicht mehr möglich, weil zu spät. Ich arbeite schon neben dem Studium, aber die Miete und alles sind so teuer, dass das allein nicht ausreicht.
Kennt jemand die Situation und kann mir bitte weiterhelfen?
Viele Grüße
Lavazza
Hallo Lavazza,
auch ich möchte mich einmal dazu äußern, in der Hoffnung, dass es okay für dich ist.
Was mir ins Auge springt, ist diese unheimlich laute Kritik an dir selbst - du beschreibst ein schweres System und dennoch landest du am Ende bei deinen eigenen Fähigkeiten und ich frage mich, ob das fair ist und vor allem, ob es dienlich ist, so kurz vor Prüfungen. Wenn ich an "Alles steht Kopf" denke (kennst du den Film?) dann klingt es so, als würden sich Angst und Selbstzweifel an der Steuerzentrale prügeln, wer welche Knöpfe drücken kann. Was wäre denn, wenn andere Anteile in die mal steuern dürfe? Anteile, die liebevoller und freundlicher mit dir sind?
Wir alle haben Kritiker*innen in uns, und die haben eine wichtige Funktion. Nur frage ich mich, ob wir deinen nicht vielleicht ein bisschen beurlauben könnten für die kommende Zeit. Wenn dem so wäre, was wäre dann die Antwort auf deine Fragen?
Ganz liebe Grüße
bke-Betty
Hi bke-Stephan,
ich bedanke mich herzlich für deine direkte Antwort.
Meine Familie ist das, was man oft bildungsfern nennt, ich habe von ihnen nicht viel Rückhalt für das Studium. Mein Bruder macht eine handwerkliche Ausbildung, ich bin ländlich groß geworden, ohne eine Hochschule in der Umgebung. Meine guten Freunde aus der Schulzeit studieren entweder nicht oder Fächer, in denen es keine so hohen Durchfallquoten gibt wie in meinem. Wenn die ihre Prüfungen mit einer 2 bestehen, liegen sie im Mittelfeld, das ist in meinem Studienfach ganz anders. Deshalb habe ich das Gefühl, dass sie zu leichtfertig sagen, dass ich jetzt schon bestehen werde. Sie kennen mich gut, aber sie denken, durch die Stoffeingrenzung wäre es jetzt leichter. Die Eingrenzung gibt es aber jedes Semester und trotzdem bestehen 50-70% die Prüfung nicht.
Ich habe deswegen nicht das Gefühl, dass ich mich auf die Bestärkung verlassen kann. Eine Klausur im Studium verlangt mir mehr Lernaufwand ab als für alle Abiturprüfungen zusammen, das ist gar kein Vergleich und vielleicht habe ich das auch unterschätzt. In meinem Studienfach sagen die Tutoren, es wäre normal, durch manche Klausuren im Grundstudium ein oder zwei mal durchzufallen, aber dieser Gedanke in den Drittversuch zu müssen und dann ist es alles oder nichts und ich kann vielleicht gar nicht mehr studieren, der killt mich. Wenn die Durchfallquoten so hoch sind, ist es natürlich irgendwie normal, aber die können das leicht sagen, denn die gehören meistens nicht zu denen, die durchfallen, sonst wären sie nicht Tutor. Versagen und scheitern wäre furchtbar, denn eine Berufsausbildung zu machen reizt mich überhaupt nicht.
Würdest du denn lieber schieben und noch mehr lernen? Wie schafft man es sich davon nicht so stressen zu lassen?
Ich muss natürlich auch die anderen Prüfungen vom 3. Semester trotzdem schaffen, wenn ich schiebe, wegen Bafög. Wie die anderen dieses Semester ausfallen, weiß ich noch nicht. Im 1. Semester bin ich nur durch diese gefallen, aber die anderen waren allgemein nicht so schwer zu bestehen wie dieses Modul. Besonders geil waren meine Noten aber auch in den anderen nicht. Die sind aber nicht kriegsentscheidend, weil sie für die Endnote nichts zählen.
Ich wünschte, ich hätte Eltern die mich finanziell unterstützen würden, dann könnte ich wenigstens damit entspannter sein. Leider sind die Regeln vom Bafög sehr streng für Studienfächer, in denen am Anfang stark ausgesiebt wird.
Bin ich vielleicht nicht belastbar genug für ein Studium, was denkst du?
Viele Grüße
Lavazza
Hallo Lavazza,
willkommen im Jugendforum. Mein Nickname ist bke-Stephan und ich gehöre zum Moderationsteam.
Da steht jetzt eine wirklich schwierige Entscheidung bevor. Prüfung machen, verschieben und irgendwann machen, ganz aufhören, ... alles hat Vor-und Nachteile. Ich kann gut nachvollziehen, dass es Dir schwer fällt, jetzt das Richtige zu tun.
Was sagen denn Menschen, die Dich gut kennen, dazu? Wie schätzen die Dich ein? Du hast ja schon viel geschafft. Abi, eigene Wohnung, ein Studium gestartet, außer der einen Prüfung hast Du es ja auch ganz gut hinbekommen. Und eigentlich gut, dass Du noch 2 Versuche hast, oder?
Vielleicht gibt es ja auch nicht die "Richtige" Entscheidung. Sondern, die, die jetzt am Besten passt? Denn was richtig war, entscheidet sich oft im Nachhinein. Oder es ist nie herauszufinden. Weil jeder Entscheidung ja wiederum viele neue Möglichkeiten ergeben kann.
Also nicht einfach. Aber vielleicht doch machbar? Warst Du schon mal in einer ähnlichen Situation, die Du gut bewältigt hast?
So, das waren meine ersten Ideen zu Deiner Anfrage, schön, dass Du uns gefunden hast,
viele Grüße,
bke-Stephan